
Kopfschmerzen nach einem Glas Rotwein, eine laufende Nase nach gereiftem Käse, Bauchschmerzen nach Sauerkraut: Viele Menschen vermuten dahinter Histamin. Histamin ist ein Botenstoff, den der Körper selbst bildet und der in vielen Lebensmitteln steckt. Dieser Beitrag erklärt allgemein, wie Histamin entsteht und abgebaut wird, was bei einer Unverträglichkeit diskutiert wird und warum die Abklärung schwierig ist.
Was Histamin im Körper tut
Histamin wirkt über vier Rezeptoren. Über H1 erweitert es Gefäße, löst Juckreiz aus und hält wach, über H2 steigert es die Magensäure und beschleunigt den Herzschlag, H3 beeinflusst Botenstoffe im Gehirn, H4 sitzt auf Immunzellen. Gespeichert wird es vor allem in Mastzellen, die es zum Beispiel bei einer Allergie freisetzen.
Die Kaskade: Bildung und Abbau
Histamin entsteht aus der Aminosäure Histidin; dafür braucht das Enzym Vitamin B6. Abgebaut wird es auf zwei Wegen: außerhalb der Zellen, vor allem im Darm, durch die Diaminoxidase (DAO), und in den Zellen durch die Histamin-N-Methyltransferase (HNMT), die dafür SAMe aus dem Methylierungsstoffwechsel nutzt.
- Vitamin B6
- Bildung von Histamin aus Histidin
- Kupfer
- Baustein der Diaminoxidase (DAO)
- SAMe
- Methylgruppe für den Abbau durch HNMT
- Alkohol
- kann die DAO hemmen und bringt oft selbst Histamin mit
Der Weg von Histamin aus der Nahrung
1. aus der Nahrung
2. Rest geht ins Blut
3. wirkt an Organen
Bei einer Histaminunverträglichkeit wird vermutet, dass die DAO im Darm nicht genug Histamin abbaut. Dann gelangt mehr davon ins Blut und kann an verschiedenen Organen wirken.
Beschwerden, die vorkommen können
NoneDiese Beschwerden sind unspezifisch und können viele andere Ursachen haben, etwa eine Allergie, Zöliakie, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung oder eine Fruktose- oder Laktoseunverträglichkeit (Blähungen trotz gesunder Ernährung).
Lebensmittel: wo viel Histamin steckt
Histamin entsteht, wenn Bakterien Eiweiß abbauen. Deshalb steigt der Gehalt mit Reifung, Lagerung und Gärung, und er schwankt selbst beim selben Lebensmittel stark. Die Liste ist eine Orientierung, kein Speiseplan (Merkblatt TUM-Klinikum rechts der Isar).
NoneDaneben werden Lebensmittel genannt, die Histamin im Körper freisetzen sollen, etwa Zitrusfrüchte, Erdbeeren, Nüsse oder Schokolade. Dafür ist die Datenlage dünn.
Medikamente, die Histamin beeinflussen können
Manche Arzneimittel setzen Histamin aus den Mastzellen frei, andere können den Abbau durch die DAO hemmen (Maintz und Novak, Am J Clin Nutr 2007). Genannt werden unter anderem:
- Histamin freisetzend: Röntgenkontrastmittel, Morphin und einige andere Opioide, manche Mittel zur Muskelentspannung bei Narkosen.
- DAO hemmend: zum Beispiel das Antibiotikum Metronidazol; Merkblätter nennen außerdem Gruppen wie bestimmte Schlaf- und Schmerzmittel, Antirheumatika, hustendämpfende Mittel und Psychopharmaka (TUM-Merkblatt).
Wichtig: Setzen Sie verordnete Medikamente nie eigenmächtig ab. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in der Apotheke, und erwähnen Sie eine vermutete Histaminunverträglichkeit vor einer Untersuchung mit Kontrastmittel oder vor einer Narkose.
Mikrobiom und Probiotika
Auch Darmbakterien bilden Histamin, wenn sie das Enzym Histidin-Decarboxylase besitzen. Das ist eine Eigenschaft einzelner Stämme, nicht ganzer Arten. Eine Genom-Studie fand zahlreiche mögliche Histaminbildner unter den Darmbakterien, 37 davon waren bereits im Labor bestätigt (BMC Genomics 2021).
- In Listen als Histaminbildner genannt: bestimmte Stämme von Lactobacillus casei, Lactobacillus bulgaricus, Lactobacillus reuteri und Streptococcus thermophilus.
- In Listen als neutral oder abbauend genannt: bestimmte Stämme von Lactobacillus plantarum, Lactobacillus rhamnosus GG, Bifidobacterium longum und Bifidobacterium infantis.
Diese Zuordnungen beruhen überwiegend auf Laborversuchen und Herstellerangaben, nicht auf Studien am Menschen. Ob ein Probiotikum bei Beschwerden hilft oder schadet, lässt sich daraus nicht sicher ableiten. Welche Bakterien im eigenen Darm leben, kann eine Stuhlanalyse zeigen (Labordiagnostik).
Darm, Belastung und das ganze System
In der ganzheitlichen Medizin sehen wir eine Histaminunverträglichkeit selten als isoliertes Problem. Aus der Erfahrung der Praxis zeigt sie sich oft zusammen mit einem gereizten Darm, einer veränderten Darmflora, Nährstofflücken oder anhaltender Belastung. Das ist eine Sichtweise aus der Begleitung, kein bewiesenes Modell. Sie erklärt, warum wir neben dem Speiseplan auch Darm und Lebensumstände betrachten (Darm & Verdauung).

Was Studien und Leitlinie sagen
Die Leitlinie. Die deutschsprachigen Allergie-Fachgesellschaften halten fest, dass es bislang kein gesichertes Verfahren gibt, eine Unverträglichkeit gegenüber Histamin aus der Nahrung festzustellen (S1-Leitlinie, AWMF 061-030). Von einem dauerhaften strengen Verzicht auf histaminreiche Lebensmittel raten sie ab, weil sein Nutzen nicht belegt ist. Wichtig ist ihnen eine breite Abklärung anderer Ursachen.
Übersichtsarbeiten. Eine Übersicht beschreibt den Mangel an DAO als wichtigste vermutete Ursache und hält mehr Forschung für nötig, um die Unverträglichkeit sicher zu bestimmen (Comas-Basté et al., Biomolecules 2020). Eine zweite Übersicht beschreibt eine zeitlich begrenzte histaminarme Kost als üblichen Weg; bessern sich die Beschwerden deutlich, gilt das dort als Hinweis (Hrubisko et al., Nutrients 2021). Die Fachwelt ist sich also nicht einig.
IgE und IgG: zwei verschiedene Reaktionen
IgE ist die Sofortreaktion des Immunsystems. Beschwerden treten meist innerhalb von Minuten bis etwa zwei Stunden auf, der Zusammenhang mit einem Lebensmittel ist oft offensichtlich. Die IgE-Diagnostik ist anerkannt.
IgG wird mit verzögerten Reaktionen in Verbindung gebracht, die erst nach Stunden auftreten können. Dann ist der Zusammenhang mit dem Essen schwer zu erkennen. In der Natura Heilpraxis nutzen wir den IgG-Test als ergänzende Orientierung: Er kann helfen, einen zeitlich begrenzten Auslassversuch mit anschließendem Wiedereinführen zu planen. Aus unserer Erfahrung empfinden viele Patienten das als hilfreich.
Wichtig: Die Fachgesellschaften erkennen den IgG-Test nicht als Nachweis einer Unverträglichkeit an (EAACI 2008, AAAAI 2010). Erhöhte IgG-Werte können auch zeigen, dass ein Lebensmittel regelmäßig gegessen wird. Ein Ergebnis allein ist deshalb kein Grund, Lebensmittel dauerhaft zu meiden.
Unser Ziel: entlasten und die Ursachen behandeln
Es geht nicht darum, Lebensmittel auf Dauer zu meiden. Wir lassen auffällige Lebensmittel eine Zeit lang weg, um den Körper von Histamin zu entlasten. Gleichzeitig behandeln wir Darm und Verdauung, die Reaktionsbereitschaft des Körpers und die Cofaktoren des Histaminabbaus. Ziel ist, dass der Körper weniger stark reagiert und die Lebensmittel schrittweise wieder auf den Speiseplan kommen. Das ist für uns die eigentliche Therapie.
Abklärung und Laborwerte
- Beschwerdetagebuch: Was wurde gegessen und getrunken, was trat wann auf? Das ist oft aufschlussreicher als ein einzelner Wert.
- Andere Ursachen ausschließen: Allergien, Zöliakie, entzündliche Darmerkrankungen, Fruktose- und Laktoseunverträglichkeit.
- DAO im Blut: wird angeboten, eignet sich laut Leitlinie aber weder als Suchtest noch allein zur Bestätigung oder zum Ausschluss. Ein niedriger Wert ist unspezifisch.
- Zeitlich begrenzte Ernährungsumstellung: nur mit Begleitung und mit einem Plan, wie wieder erweitert wird.
Der Referenzbereich stammt vom Labor. Wir geben keine eigenen Grenzwerte vor, sondern zeigen die Angabe des Labors und besprechen, was sie im Einzelfall bedeuten kann.
Sofort den Notruf 112 wählen
- Atemnot oder pfeifende Atmung
- Schwellung von Lippen, Zunge oder Rachen
- Kreislaufschwäche oder Bewusstseinstrübung
Zeitnah ärztlich abklären
- Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber
- Durchfall, der länger als zwei Wochen anhält
- Beschwerden, die nachts wecken
Wie wir in der Natura Heilpraxis vorgehen
Wir beginnen mit einem Gespräch über Beschwerden, Speiseplan und Lebensumstände und legen gemeinsam fest, welche Untersuchungen zur Frage passen. Ein dauerhaft strenger Verzicht ist nicht das Ziel; wenn wir den Speiseplan ändern, dann zeitlich begrenzt und mit einem Weg zurück. Mehr zum Darm auf der Seite Darm & Verdauung, zu Laborleistungen unter Labordiagnostik. Unsere Besprechung ersetzt keine ärztliche Diagnostik.
Quellen
- Reese I. et al.: Vorgehen bei Verdacht auf Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin. S1-Leitlinie DGAKI, GPA, ÄDA, SGAI, ÖGAI. Allergologie 2021;44(10):761–772. AWMF
- Comas-Basté O. et al.: Histamine Intolerance: The Current State of the Art. Biomolecules 2020;10(8):1181. PubMed
- Hrubisko M. et al.: Histamine Intolerance – The More We Know the Less We Know. Nutrients 2021. PubMed
- Maintz L., Novak N.: Histamine and histamine intolerance. Am J Clin Nutr 2007;85(5):1185–1196. PubMed
- Stapel S. O. et al.: Testing for IgG4 against foods is not recommended as a diagnostic tool: EAACI Task Force Report. Allergy 2008;63:793–796. Zusammenfassung
- AAAAI: Stellungnahme zum EAACI-Bericht über IgG4-Tests, 2010. PDF
- Merkblatt Histaminintoleranz: Essen und Trinken. Klinikum rechts der Isar der TU München, 2023. PDF
- Putative histamine-secreting gut bacteria (Genom-Analyse). BMC Genomics 2021. PMC
Häufige Fragen
Was ist Histamin?
Ein Botenstoff, den der Körper aus der Aminosäure Histidin bildet. Er wirkt unter anderem auf Haut, Gefäße, Magen, Darm und Gehirn und steckt außerdem in vielen gereiften oder fermentierten Lebensmitteln.
Wie wird Histamin abgebaut?
Außerhalb der Zellen vor allem im Darm durch die Diaminoxidase (DAO), in den Zellen durch die HNMT, die dafür SAMe aus dem Methylierungsstoffwechsel nutzt.
Gibt es einen Test für Histaminunverträglichkeit?
Laut Leitlinie gibt es bislang kein gesichertes Verfahren. Der DAO-Wert im Blut eignet sich weder als Suchtest noch allein zur Bestätigung. Hilfreich sind ein Beschwerdetagebuch und der Ausschluss anderer Ursachen.
Muss ich histaminreiche Lebensmittel dauerhaft meiden?
Die Leitlinie rät von einem dauerhaft strengen Verzicht ab, weil sein Nutzen nicht belegt ist. Eine zeitlich begrenzte Umstellung mit Begleitung und einem Plan zum Wiedererweitern ist ein anderer Weg.
Welche Lebensmittel enthalten viel Histamin?
Vor allem gereifte, lang gelagerte oder fermentierte Lebensmittel, zum Beispiel lange gereifter Käse, Rohwurst, Sauerkraut, Rotwein und Fisch, der nicht ganz frisch ist. Der Gehalt schwankt stark.
Was ist der Unterschied zwischen IgE und IgG?
IgE steht für die Sofortreaktion innerhalb von Minuten bis etwa zwei Stunden; diese Diagnostik ist anerkannt. IgG wird mit verzögerten Reaktionen in Verbindung gebracht. Wir nutzen den IgG-Test als ergänzende Orientierung für einen zeitlich begrenzten Auslassversuch; die Fachgesellschaften erkennen ihn nicht als Nachweis einer Unverträglichkeit an.
Muss ich Lebensmittel nach einem IgG-Test dauerhaft weglassen?
Nein. Wir lassen auffällige Lebensmittel eine Zeit lang weg, um zu entlasten, und behandeln gleichzeitig Darm, Verdauung und die Cofaktoren des Histaminabbaus. Ziel ist, die Lebensmittel schrittweise wieder einzuführen.
Können Medikamente Histamin beeinflussen?
Ja. Manche setzen Histamin aus Mastzellen frei, etwa Röntgenkontrastmittel oder Morphin, andere können die DAO hemmen. Verordnete Medikamente nie eigenmächtig absetzen, sondern mit Arzt, Ärztin oder Apotheke sprechen.
Helfen Probiotika?
Das ist offen. Ob ein Bakterium Histamin bildet, hängt vom einzelnen Stamm ab. Listen mit bildenden und abbauenden Stämmen beruhen überwiegend auf Laborversuchen und Herstellerangaben, nicht auf Studien am Menschen.
Kann Alkohol eine Rolle spielen?
Ja. Alkohol kann die DAO hemmen, und viele alkoholische Getränke, etwa Rotwein, enthalten selbst Histamin.
Wann ist es ein Notfall?
Bei Atemnot, Schwellung von Lippen, Zunge oder Rachen oder Kreislaufschwäche sofort den Notruf 112 wählen. Das kann eine schwere allergische Reaktion sein.
Alle Fragen & Antworten im Ratgeber →
Fachlich verantwortlich: Yesha Karmeli, Heilpraktiker, Natura Heilpraxis Berlin. Dieser Text informiert allgemein und ersetzt keine Beratung im Einzelfall.

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