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Schilddrüse: Wann Beschwerden und Laborwerte abklären?

Die Schilddrüse steuert über die Hormone T3 und T4 den Stoffwechsel. Bei Verdacht auf eine Funktionsstörung wird meist zuerst der TSH-Wert bestimmt, bei Auffälligkeiten ergänzt um fT4, fT3 und Schilddrüsen-Antikörper. Beschwerden wie Müdigkeit oder Frieren sind unspezifisch und haben viele mögliche Ursachen. Eine Schilddrüsenerkrankung gehört ärztlich diagnostiziert und behandelt.

Von Yesha KarmeliVeröffentlicht am

Schilddrüse: Wann Beschwerden und Laborwerte abklären?

Schilddrüsenerkrankungen gehören zu den häufigen Erkrankungen, Frauen sind deutlich öfter betroffen als Männer. Viele Menschen erfahren eher zufällig von einem auffälligen Wert, andere suchen lange nach einer Erklärung für Müdigkeit, Frieren oder innere Unruhe. Dieser Beitrag erklärt allgemein, was die Schilddrüse tut, welche Wege in der Biochemie dahinterstehen, was über Ursachen bekannt ist und wann eine ärztliche Abklärung wichtig ist.

Warum gerade die Schilddrüse? Was über Ursachen bekannt ist

Im Einzelfall ist die Ursache oft nicht eindeutig. Die Forschung geht bei den häufigen autoimmunen Formen von einem Zusammenspiel aus: einer erblichen Veranlagung, die nach Schätzungen den größeren Teil des Risikos ausmacht, und Auslösern aus der Umwelt. Genannt werden unter anderem die Jodversorgung, Selen und Vitamin D, Infekte, bestimmte Medikamente, Schwangerschaft, Rauchen und Stress (Übersichtsarbeit, Biomedicines 2024). Wie stark jeder einzelne Faktor wirkt, ist unterschiedlich gut belegt.

In der ganzheitlichen Medizin betrachten wir die Schilddrüse nicht für sich allein. Aus der Erfahrung der Praxis zeigt sich eine Schilddrüsenstörung oft im Zusammenhang mit einer Verschiebung im gesamten Stoffwechsel: der Versorgung mit Nährstoffen, Entzündungsprozessen, dem Darm und anhaltender seelischer Belastung. Das ist eine Sichtweise aus der Begleitung vieler Menschen und kein bewiesenes Modell. Sie erklärt, warum wir uns Zeit für das ganze System nehmen und nicht nur einen Wert betrachten.

Biografie und Belastung: die Frage „Warum ich?“

Viele Menschen fragen nach einer Diagnose, warum es sie gerade jetzt trifft. In einer großen schwedischen Studie mit über 100.000 Menschen traten Autoimmunerkrankungen bei Personen mit stressbedingten Erkrankungen häufiger auf als in Vergleichsgruppen und bei ihren Geschwistern (Song et al., JAMA 2018). Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache.

Wichtig ist uns deshalb: Niemand ist an einer Schilddrüsenerkrankung schuld. In der Begleitung kann es trotzdem hilfreich sein, auf Lebensphasen, Belastungen und Wendepunkte zu schauen. Nicht, um eine Erklärung zu erzwingen, sondern um zu verstehen, was den Alltag heute prägt und wo Entlastung möglich ist.

Yesha Karmeli im Gespräch in der Praxis
Befunde und Lebensumstände besprechen wir in Ruhe.

Was die Schilddrüse in der Zelle bewirkt

Das aktive Hormon T3 wirkt in fast jeder Körperzelle. Es bindet an Rezeptoren im Zellkern und schaltet dort Gene an, unter anderem für den Energiestoffwechsel. Zusätzlich wirkt es an den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. So bestimmt T3 den Grundumsatz mit, also wie viel Energie der Körper in Ruhe verbraucht: für Wärme, Herzschlag, Verdauung und die Arbeit der Organe (Übersicht zum Energieumsatz, Übersicht zu T3 in Mitochondrien).

Bildlich gesprochen: Bei zu wenig T3 läuft die Zelle auf Sparflamme, bei zu viel auf Hochtouren. Daraus erklären sich viele der Beschwerden weiter unten.

Kaskade 1: Von Phenylalanin zu Adrenalin

Tyrosin ist der gemeinsame Baustein. Aus ihm entstehen die Stress-Botenstoffe und, im Eiweiß Thyreoglobulin, die Schilddrüsenhormone. Diese beeinflussen außerdem, wie empfindlich der Körper auf Adrenalin reagiert.

PhenylalaninTyrosinL-Dopa
PhenylalaninTyrosin
TyrosinL-Dopa
DopaminNoradrenalinAdrenalin
DopaminNoradrenalin
NoradrenalinAdrenalin
Phenylalanin → Tyrosin
Hydroxylase, BH4
Tyrosin → L-Dopa
BH4, Eisen
L-Dopa → Dopamin
Vitamin B6
Dopamin → Noradrenalin
Vitamin C, Kupfer
Noradrenalin → Adrenalin
SAMe

Kaskade 2: Tyrosin, Jod, T4, T3 und Reverse T3

Die Schilddrüse bildet vor allem T4, die Speicherform. Aktiv wird es, wenn ein Jod-Atom abgespalten wird: Es entsteht das aktive T3 oder das inaktive Reverse T3. Mehr zur Einordnung im Beitrag zu Reverse T3.

Tyrosin im Thyreoglobulin+ Jod (Peroxidase TPO)T4 · 4 Jod · Speicher
Tyrosin im Thyreoglobulin+ Jod (Peroxidase TPO)
+ Jod (Peroxidase TPO)T4 · 4 Jod · Speicher
T4T3 · aktiv · SelenReverse T3 · inaktiv
T4T3 · aktiv · Selen
T3 · aktiv · SelenReverse T3 · inaktiv
Jod
Baustein der Hormone
Selen
Umwandlung von T4 zu T3
Eisen
Peroxidase der Schilddrüse
Mehr Reverse T3
kann bei Krankheit, Stress oder starkem Kalorienmangel vorkommen

Der Regelkreis

HypothalamusHirnanhangdrüseSchilddrüseKörper1TRH2TSH3T4 / T34viel T3 / T4 bremst TSH

1. TRH

HypothalamusHirnanhangdrüse

2. TSH

HirnanhangdrüseSchilddrüse

3. T4 / T3

SchilddrüseKörper

4. viel T3 / T4 bremst TSH

KörperHirnanhangdrüse

Sind die Hormone im Blut hoch, sinkt TSH. Sind sie niedrig, steigt TSH. Deshalb ist TSH meist der erste Laborwert.

Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse

Hashimoto-Thyreoiditis

Immunsystem greift Schilddrüse anweniger HormonUnterfunktion
Immunsystem greift Schilddrüse anweniger Hormon
weniger HormonUnterfunktion

Üblich im Labor: TPO-AK, Thyreoglobulin-AK, TSH. In Regionen mit ausreichender Jodversorgung die häufigste Ursache einer Unterfunktion.

Morbus Basedow

Antikörper aktivieren TSH-Rezeptormehr HormonÜberfunktion
Antikörper aktivieren TSH-Rezeptormehr Hormon
mehr HormonÜberfunktion

Üblich im Labor: TRAK, TSH, fT3, fT4. Kann auch die Augen betreffen.

Wirkung auf den Körper: Unterfunktion und Überfunktion

Die Beschwerden sind vielfältig und unspezifisch und haben oft auch andere Ursachen, etwa Schlaf, Stress, Eisen oder Vitamin B12 (Müde trotz Schlaf: Welche Laborwerte prüfen?).

UnterfunktionÜberfunktion
Stoffwechselverlangsamt, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeitbeschleunigt, Gewichtsabnahme, Wärme, Schwitzen
Herz und Kreislauflangsamer Puls, Cholesterin kann steigenHerzklopfen, Herzrasen, Herzstolpern
Nerven und PsycheAntriebsarmut, Konzentrationsprobleme, gedrückte Stimmunginnere Unruhe, Reizbarkeit, Zittern, Schlafprobleme
DarmVerstopfungDurchfall
Haut und Haaretrockene Haut, Haarausfallfeines Haar, warme feuchte Haut
Zykluskann sich verändernkann sich verändern
AdrenalinReaktion auf Stress-Botenstoffe eher gedämpftAdrenalin-Reize werden stärker erlebt, als sei der Körper „unter Strom“

Jod und Selen: was Studien zeigen

Jod. Jodmangel kann zu Kropf und Unterfunktion führen (Jodmangel: Ursachen und Folgen). Zu viel Jod ist aber ebenfalls nicht günstig. In einer Studie in drei chinesischen Regionen mit unterschiedlicher Jodzufuhr traten über fünf Jahre mit höherer Zufuhr häufiger neue Fälle von leichter Unterfunktion auf (0,2 % bei mildem Mangel, 2,6 % und 2,9 % bei reichlicher und überhöhter Zufuhr) und ebenso neue Fälle von autoimmuner Schilddrüsenentzündung (0,2 %, 1,0 % und 1,3 %) (Teng et al., NEJM 2006). Ein begleitender Kommentar betonte, dass die Folgen von Jodmangel weltweit schwerer wiegen. Die Jodzufuhr gehört deshalb in die richtige Spanne, nicht so hoch wie möglich.

Selen. Eine Cochrane-Übersicht wertete vier Studien mit 463 Menschen mit Hashimoto aus (van Zuuren et al., Cochrane 2013). Selen senkte in drei Studien die TPO-Antikörper. Die Studien waren klein und methodisch schwach, und ob es den Menschen dadurch besser geht oder weniger Hormon nötig ist, blieb offen. Selen kann in hoher Dosis selbst schaden. Eine Einnahme sollte deshalb vorher mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Welche Laborwerte üblich sind

  • TSH: meist der erste Wert, ein Signal der Hirnanhangdrüse.
  • fT4 und fT3: die freien, wirksamen Hormone; dazu bei Bedarf Reverse T3.
  • Antikörper: TPO-AK und Thyreoglobulin-AK bei Verdacht auf Hashimoto, TRAK bei Verdacht auf Basedow.
  • Ultraschall: ärztliche Untersuchung der Größe und Struktur der Schilddrüse.

Der Referenzbereich stammt vom Labor und unterscheidet sich je nach Methode. Wir geben keine eigenen Grenzwerte vor, sondern zeigen die Angabe des Labors und besprechen, was sie im Einzelfall bedeuten kann. Hoch dosiertes Biotin kann Messwerte verfälschen, und auch die Einnahme von Schilddrüsentabletten am Tag der Blutabnahme kann eine Rolle spielen. Fragen Sie vorher beim Labor oder in der Praxis nach.

Wann zeitnah ärztlich abklären

  • Tastbare Schwellung oder Knoten am Hals
  • Anhaltende Heiserkeit oder Schluckbeschwerden
  • Herzrasen, Herzstolpern oder rasche Gewichtsabnahme
  • Veränderungen an den Augen, etwa hervortretende Augen oder Doppelbilder
  • Ausgeprägte Verlangsamung, Verwirrtheit oder starke Kälteempfindlichkeit
  • Schwangerschaft oder Kinderwunsch

Wie wir in der Natura Heilpraxis vorgehen

Wir beginnen mit einem Gespräch über Beschwerden, Lebensumstände und Ziele und legen gemeinsam fest, welche Werte zur Frage passen. Befunde bringen Sie gern mit, wir ordnen sie in Ruhe ein. Verschreibungspflichtige Arzneimittel verordnen wir nicht; Schilddrüsenmedikamente werden niemals ohne ärztliche Rücksprache verändert oder abgesetzt. Einen Überblick über Laborleistungen finden Sie auf der Seite Labordiagnostik, Hintergründe zu Stoffwechselwegen bei Biomarker verstehen und im frei zugänglichen Nachschlagewerk ORY Biomarker. Unsere Besprechung ersetzt keine ärztliche Diagnostik.

Quellen

  • Cyna W. et al.: The Impact of Environmental Factors on the Development of Autoimmune Thyroiditis. Biomedicines 2024. Volltext
  • Song H. et al.: Association of Stress-Related Disorders With Subsequent Autoimmune Disease. JAMA 2018;319(23):2388–2400. PubMed
  • Teng W. et al.: Effect of Iodine Intake on Thyroid Diseases in China. N Engl J Med 2006;354:2783–2793. DOI
  • van Zuuren E. J. et al.: Selenium supplementation for Hashimoto’s thyroiditis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013. Cochrane Library
  • Mullur R. et al.: Thyroid Hormone Regulation of Metabolism. PMC · Wrutniak-Cabello C. et al.: Thyroid hormone action in mitochondria. J Mol Endocrinol 2001. PubMed

Häufige Fragen

Wie häufig sind Schilddrüsenerkrankungen?

Schilddrüsenerkrankungen gehören zu den häufigen Erkrankungen. Frauen sind deutlich öfter betroffen als Männer. Viele Auffälligkeiten werden zufällig bei einer Blutuntersuchung oder im Ultraschall entdeckt.

Was ist die Ursache von Hashimoto?

Im Einzelfall oft nicht eindeutig. Die Forschung geht von einer erblichen Veranlagung und Auslösern aus der Umwelt aus, etwa Jodversorgung, Infekte, Schwangerschaft oder Stress. Wie stark einzelne Faktoren wirken, ist unterschiedlich gut belegt.

Hat Stress etwas mit der Schilddrüse zu tun?

Eine große Studie aus Schweden fand Autoimmunerkrankungen häufiger bei Menschen mit stressbedingten Erkrankungen. Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Ursache. Niemand ist an einer Schilddrüsenerkrankung schuld.

Was macht T3 in der Zelle?

T3 wirkt über Rezeptoren im Zellkern und an den Mitochondrien. Es bestimmt mit, wie viel Energie der Körper in Ruhe verbraucht, den sogenannten Grundumsatz.

Welcher Laborwert wird zuerst bestimmt?

Meist der TSH-Wert. Bei einem auffälligen TSH folgen häufig fT4, fT3 und, je nach Frage, Antikörper wie TPO-AK. Welche Werte sinnvoll sind, entscheidet die ärztliche Abklärung.

Heißt ein TSH im Referenzbereich, dass die Schilddrüse nicht die Ursache ist?

Nicht automatisch. Der Referenzbereich beschreibt, in welchem Bereich etwa 95 % einer Vergleichsgruppe liegen, und unterscheidet sich je nach Labor. Werte werden zusammen mit Beschwerden, Verlauf und Medikamenten betrachtet.

Soll ich Selen einnehmen?

Studien zeigen, dass Selen bei Hashimoto die TPO-Antikörper senken kann. Ob es Beschwerden bessert, ist nicht belegt, und Selen kann in hoher Dosis schaden. Sprechen Sie vor einer Einnahme mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Ist mehr Jod besser?

Nein. Jodmangel und eine überhöhte Jodzufuhr können beide ungünstig sein. Eine Studie aus China fand bei hoher Jodzufuhr häufiger leichte Unterfunktionen und autoimmune Schilddrüsenentzündungen.

Darf ich Schilddrüsentabletten selbst absetzen oder anpassen?

Nein. Schilddrüsenhormone werden ärztlich verordnet und kontrolliert. Änderungen der Dosis oder ein Absetzen gehören in ärztliche Hände.

Kann Biotin die Schilddrüsenwerte verfälschen?

Hoch dosiertes Biotin (Vitamin B7) kann die Messung einiger Laborwerte verfälschen, auch von Schilddrüsenwerten. Teilen Sie vor der Blutabnahme mit, ob Sie Biotin einnehmen.

Alle Fragen & Antworten im Ratgeber →

Fachlich verantwortlich: Yesha Karmeli, Heilpraktiker, Natura Heilpraxis Berlin. Dieser Text informiert allgemein und ersetzt keine Beratung im Einzelfall.

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